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Maedi – Visna des Schafes

Von Prof. Dr. M. Ganter

 

Klinik für kleine Klauentiere und forensische Medizin und Ambulatorische Klinik der Tierärztlichen Hochschule Hannover.

Bei der Maedi (isländisch „erschwerte Atmung“) handelt es sich um eine langsam fortschreitende Erkrankung, die zu Veränderungen in verschiedenen Organen führt. Ursache dieser Erkrankung ist eine Virusinfektion. Das Maedi-Visna-Virus gehört zu den RNS-Tumorviren (Retroviridae) und hier zur Subfamilie der Lentivirinae, die auch als „Slow virus“, also langsame Viren bezeichnet werden, da sie allesamt erst Monate bis Jahre nach der Infektion zu klinischen Erkrankungen führen. Eine weitere Besonderheit dieser Virusinfektionen ist, dass die Infektion zwar zur Bildung von Antikörpern führt, diese Antikörper die Viren jedoch nicht eliminieren können, so dass das Virus nach einer Infektion lebenslang persistiert. Das Maedi-Visna-Virus ist eng verwandt mit dem Virus der Caprinen Arthritis und Enzephalitis (CAE). Da die Unterscheidung der beiden Viren sehr schwierig ist, werden sie unter dem Begriff „Small Ruminant Lentivirus“ (SRLV – Lentiviren der kleinen Wiederkäuer) zusammengefasst. Die Maedi-Visna ist meldepflichtig.

Die Virusinfektion manifestiert sich nach einer Inkubationszeit von mehreren Jahren in einer

chronischen interstitiellen Pneumonie (der eigentlichen Maedi),

progressiven Gehirn- und Rückenmarksentzündung (der eigentlichen Visna),

chronischen intestitiellen Euterentzündung sowie einer

fortschreitenden Entzündung von Gelenken.

 

Die Übertragung des Virus findet vor allem mittels Biestmilch und Milch von der Mutter auf die Lämmer statt. Andere vertikale Übertragungswege, wie mittels Sperma, befruchteten Ei oder über Plazenta könne zwar nicht ganz ausgeschlossen werden, sind jedoch unbedeutend. Zwischen erwachsenen Tiere hängt die Wahrscheinlichkeit der Übertragung des Virus sehr von der Rasse, den Haltungsbedingungen und vom Durchseuchungsgrad der Herde ab. Es ist bekannt, dass Kamerunschafe hoch empfänglich sind. Lange und enge Stallhaltung begünstigt die Übertragung zwischen den Tieren. Dabei findet die Übertragung über Nassensekret mittels Tröpfcheninfektionen statt. Das Virus kann jedoch auch über blutsaugende Insekten und selbstverständlich auch mittels Injektionskanüle bei Herdenimpfungen von Tier zu Tier übertragen werden.

 

Chronische interstitielle Lungenentzündung (eigentliche Maedi)

Die chronisch interstitielle Pneumonie entsteht durch das zunehmende Einwandern von Abwehrzellen in die Septen zwischen die Lungenalveolen, wo sie lymphfollikelartige Strukturen bilden, die bei der Schlachtung evtl. als graue Knötchen oder Areale sichtbar sind. Sie führen auch zu einer verstärkten Bildung von Bindegewebe im Lungengewebe, was zu einer Einschränkung der Beweglichkeit und Dehnbarkeit der Lunge führt. Aufgrund der sehr langsamen Entwicklung dieser Krankheitsprozesse sind klinische Symptome meist erst ab dem 2. Lebensjahr, häufig jedoch erst bei 4-5 Jahre alten Schafen erkennbar. Sie äußern sich in:

  • trockenem Husten,
  • wässrigem bis schleimigem Nasenausfluß
  • zunehmender erschwerter Atmung
  • gestreckter und gesenkter Kopfhaltung
  • langsamer Abmagerung

Aufgrund der Atemnot ermüden die erkrankten Tiere beim Treiben schneller und bleiben hinter der Herde zurück.

Bei der Schlachtung oder der Sektion erkrankter Tiere werden die Lungenveränderungen durch Maedi häufig übersehen, da sie diffus über die ganze Lunge verteilt sind und sich lediglich in grauen, geringgradig verdichteten Bezirken äußern. Diese grauen Bezirke bestehen jedoch aus hochgradigen Ansammlungen von Abwehrzellen, die das normale Lungengewebe verdrängen. Während also die Form der Lunge unverändert ist, nimmt das Gewicht deutlich zu.

Abb. 1: Maedi-Lunge, Gewicht 1,8 kg

Abb. 2: Maedi-Lunge im Anschnitt, mit zahlreichen grauen speckigen Herden

 

Klinik der Visna

Die zentralnervöse Form der Lentivirusinfektion der kleinen Wiederkäuer wird nach ihrer Erstbeschreibung „Visna“ genannt. Dieses Wort kommt ebenfalls aus dem Isländischen und bedeutet „Verfall“. Die klinische Erkrankung tritt sehr selten auf, meist erst bei mehrere Jahre alten Tieren. Sie wurde jedoch auch schon bei einem älteren Lamm mit ¾ Jahr beobachtet. Nach eigenen Beobachtungen sind Herden, in denen klinische Visna auftritt, hochgradig mit dem Maedi-Visna-Virus verseucht.

Die Erkrankung äußert sich zunächst in einer weichen Fesselstellung. Mit fortschreitender Erkrankung zeigen die Tiere stolpernden Gang und später Hangbeinlahmheiten. Einige Tiere zeigen auch Schiefhalten des Kopfes und der Ohren, gelegentlich wird auch Lippenzittern beobachtet. Mit dem Fortschreiten der Erkrankung bekommen die Schafe zunehmende Schwierigkeiten beim Aufstehen und entwickeln von hinten nach vorne fortschreitende schlaffe Lähmungen, die schließlich bis zum vollständigen Festliegen führen. Gleichzeitig mit den Lähmungserscheinungen magern die Schafe zusehends ab. Dabei ist die Fresslust vollständig erhalten und die Wahrnehmung ungetrübt.

Die klinischen Erscheinungen sind auf eine chronische Entzündung der grauen und weißen Substanz des Zentralnervensystems, insbesondere im Rückenmark sowie auf eine

zunehmende Entmarkung der Nervenzellen zurückzuführen.

Chronisch progressive Polyarthritis

Eine weitere Manifestationsform der Maedi-Visna-Virusinfektion ist die chronische fortschreitende Gelenkentzündung. Meist sind die Karpalgelenke, also die sogenannten Vorderknie betroffen. Die Tiere werden zunehmend schwerfälliger. Die Gelenke schwellen aufgrund von Zellinfiltrationen in die Gelenksumgebung, insbesondere in die Schleimbeutel vor den „Vorderknien“ und aufgrund von bindegewebigen Zubildungen an.

 

Chronische interstitielle Mastitis

Die chronische Euterentzündung wird meist von den Besitzern erkrankter Tiere nicht wahrgenommen, weil an dem erkrankten Euter keine akuten Krankheitsanzeichen zu erkennen sind. Aufgrund des Einwanderns von Abwehrzellen in das Eutergewebe wird das eigentliche milchbildende Drüsengewebe verdrängt. Hinzu kommt mit fortschreitender Erkrankungsdauer eine bindegewebige Zubildung. Daraus resultiert ein fortschreitender Milchrückgang, der erstmalig meist bei Schafen im Alter von 3 bis 5 Jahren erkannt werden kann. Bei extensiv gehaltenen Rassen fällt häufig auf, dass Muttertiere ab dem 5. Lebensjahr aufgrund unzureichender Milchleistung Zwillinge nicht mehr aufziehen können, bzw. sich daraus Kümmerer entwickeln.

 

Differentialdiagnosen

Aufgrund des schleichenden Verlaufs und den variablen Manifestiationsformen der Maedi-Visna-Virusinfektion wird die Krankheit in vielen Herden als solche häufig über Jahre nicht wahrgenommen. Die Maedi selbst kann mit einer Vielzahl von Lungenerkrankungen verwechselt werden, wie z.B. mit der ebenfalls virusbedingten Lungenadenomatose, der chronischen Atypischen Pneumonie durch Mycoplasma ovipneumoniae, der Wurmpneumonie oder den abszedierenden Pneumonien und der Pseudotuberkulose. Nicht selten wird die Maedi mit einer oder gar mehreren der genannten Erkrankungen gemeinsam vorgefunden.

 

Diagnose

Die Diagnose der Maedi/Visna-Virusinfektion stützt sich derzeit im Wesentlichen auf den Nachweis von Antikörpern mittels Elisa. Daneben wird vielfach noch der Immunodiffusionstest angewandt. In fraglichen Fällen wird zusätzlichen von wenigen Labors noch der Western-Blot eingesetzt. Entscheidend bei der Bekämpfung ist, dass grundsätzlich Herdendiagnosen gestellt wird.

Da eine Behandlung der Erkrankung oder gar der Infektion derzeit noch nicht möglich ist, erscheint nur eine Sanierung sinnvoll. Die Strategie bei der Sanierung basiert auf der mehrfachen Untersuchung aller erwachsenen Tiere einer Herde. Aufgrund der langen Inkubationszeit müssen bei diesen mehrfachen Untersuchungen Zeiträume von mindestens 1 ½ Jahren überbrückt werden. Nach einer Infektion sind Antikörper frühestens nach 6 Wochen, meist jedoch erst nach 1 bis 11/2 Jahren nachweisbar. Ein Betrieb ist Maedi/Visna unverdächtig, wenn drei aufeinanderfolgende komplette Bestandsuntersuchungen im Abstand von je ½ Jahr und eine Untersuchung nach einem weiteren Jahr negativ verliefen.

Bei der Interpretation von Ergebnissen ist zu beachten, dass Tiere die einmal im Antikörpertest positiv waren lebenslang als infiziert angesehen werden müssen, selbst wenn sich in nachfolgenden Tests evtl. auch einmal ein fragliches oder negatives Resultat ergibt.